[Rezension] Welt aus Staub

Heute möchte ich euch gerne ein Buch nahebringen, das mir von einer lieben Freundin empfohlen wurde. Es ist relativ unbekannt, bringt aber eine sehr nette dystopische Atmosphäre mit sich.


Klick aufs Bild!

Autor: Stephan R. Bellem
Titel: Welt aus Staub
Originaltitel: --
Verlag: Ueberreuter Verlag
Seiten: 397 Seiten
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-8000-9553-7
Preis: 16.95 €







Das Cover:

Ist das Cover nicht voll schön? Ich finde die Bildkomposition total toll, die Protagonistin im Vordergrund, aber nicht im Zentrum, sondern am rechten Rand des Bildes. Ihr Blick nach unten gerichtet, irgendwie trüb, irgendwie geheimnisvoll. Im Hintergrund die toten Bäume und der aufgestäubte Sand, am Horizont eine graue Skyline einer Stadt - die Welt aus Staub.

Die Welt des Romans...

...stellt eine Dystopie in nicht allzu ferner Zukunft dar. Im Jahre 2177 ist die Welt ein toter Planet - ein Pilz hat die Vegetation der Welt gestoppt, Pflanzen überleben kaum ein paar Tage, ehe sie befallen werden und sterben. Die Menschen sind zu einem Leben in riesigen Metropolen - sogenannten Komplexen - gezwungen, in welchen die Schere zwischen arm und reich extrem auseinanderklafft. Die Gesellschaft besteht aus einer sehr kleinen Oberschicht, doch die meisten Menschen knabbern am Existenzminimum.
Beherrscht wird der Komplex, in dem die Handlung spielt, von Food Corp., der einzige Lebensmittelhersteller, der unter hohem Aufwand in unterirdischen Gewächshäusern Pflanzen anbauen kann. Alle Pflanzen, die gefunden werden, sind bei ihnen abzugeben. Als Leser begleitet man den Mitarbeiter Sam, welcher für Food Corp. die Filteranlagen zur Reduzierung der Sporen in den Gewächshäusern entwirft, und seinen besten Freund Danny, welcher ebenfalls als Ingenieur dort arbeitet. Im Kontrast dazu erlebt man auch das Leben von Tessa, einer jungen Prostituierten, und Elaine, ein Mädchen, das in der Wildnis nach Pflanzen sucht und diese auf dem Schwarzmarkt verkauft. Wie durch Schicksal treffen alle Charaktere früher oder später aufeinander. Nachdem Danny auf mysteriöse Weise stirbt, versucht Sam herauszufinden, wieso sein Freund gestorben ist und deckt mit den anderen eine große Verschwörung auf. 

Meine Meinung:

Wenn ich aus dem Fenster hinausschaue, dann sehe ich überall Grün, überall Pflanzen, genauso wie auf meinem Speiseplan so gut wie nur pflanzliche Produkte auftauchen. Sich eine Welt ohne all das vorzustellen, ist für mich nahezu unmöglich. Daher erschien mir das Buch unglaublich interessant, als ich davon gelesen hatte. 
Mit viel Enthusiasmus habe ich das Buch angefangen, und gleich in den ersten 50 Seiten wird einem die zentrale Problematik bewusst: Die strikte Trennung zwischen den beiden Schichten. Die Oberschicht wohnt in einer separierten bewachten Zone, mit schönen Wohnungen und guten Klamotten. Mit ihren gesicherten Jobs bei Food Corp. erhalten sie auch genug Nahrung und leben in einem guten Wohlstand auf Kosten der breiten Masse. Diese leben in völliger Abhängigkeit von Food Corp. und jeder kämpft ums nackte Überleben. Es gibt keine Ordnung mehr, die Moral wurde von der Not verdrängt und es gilt nur noch eine Regel: Fressen oder gefressen werden. 
Ein wenig erinnert mich die ganze Darstellung an einen "Naturalismus der Zukunft" - die Sprache der Unterschicht ist sehr vulgär, die Gebäude sind dem Zerfall schon nahe und Themen wie Gewalt/Kampf und Sex sind die zentralen Motive der Unterschicht. Man erlebt eine sehr ungeschminkte Gesellschaft, die einen hammerhart trifft. Gleichzeitig sieht man, wie verwöhnt und gut es der Oberschicht geht. Aber auch hier merkt man, diese Ordnung und Anständigkeit ist nur vorgetäuscht. Genauso viel Kriminalität herrscht in den führenden Schichten, lediglich nicht auf diese direkte Art - ein Thema von großer Aktualität, wie ich finde.
Sehr detailliert schildert Bellem dieses Gesellschaftssystem, aber auch die ganze Welt. Pflanzen werden wie gefährliche Droge geschmuggelt, Holzmöbel sind unbezahlbar, außer Mais und Hühnchen gibt es kaum andere Nahrungsmittel, Geschmäcker von anderen Nahrungsmitteln werden synthetisch hergestellt. 
Nach den ersten 100 Seiten wurde das Buch jedoch sehr langarmig. Die eigentliche Haupthandlung beginnt erst sehr spät, die Hälfte des Buches begleitet man die Charaktere einfach durch den Alltag und man findet keinen richtigen roten Faden. Bellems Schreibstil macht es einem nicht unbedingt angenehm - das Buch ist schriftstellerisch gesehen schwach. Ich erwarte keinen Kafka oder Goethe, aber das Buch hat mich an keiner Stelle wirklich gefordert und unter lebhaftem Schreibstil verstehe ich etwas anderes. Es ist alles offensichtlich, geradlinig und lässt ziemlich wenig - eigentlich gar keinen - Raum für Interpretation oder tiefere Vermutungen.
Authentizität - das ist etwas, das mir extrem fehlte. An vielen Stellen war mir alles viel zu klischeehaft, die Emotionen der Charaktere scheinen mir lieblos dargestellt, generell sind die Charaktere zwar detailliert beschrieben, mir aber zu steif und leblos. Elaine ist die harte Braut, die irgendwie alles kann und das mit einer Selbstverständlichkeit - in der Fanfiction-Szene würde man sie Mary-Sue nennen. Viel zu übertrieben wird Doc - einer der Antagonisten - dargestellt. Er dröhnt sich unentwegt mit Drogen zu und Sex ist für ihn unabdingbar, dass es mir schon echt grotesk vorkommt. (Wer etwas gegen Sex in Büchern hat, sollte dieses Buch generell nicht in die Finger nehmen...) Und so zieht sich das eigentlich durch das ganze Buch...
Das Ende hat es aber noch ziemlich herausgerissen. Gerade die letzten 100 Seiten sind inhaltlich sehr spannend und hat mich gut unterhalten. Am Ende werden viele Fragen sehr konzentriert aufgelöst, die sich über das Buch hinweg angestaut haben. Besonders spannend ist die Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge, die ich, wie ich finde, sehr gut gelöst ist.



Bewertung und Fazit:

Ich weiß nicht, was ich von diesem Buch halten soll - vielleicht bin ich auch mit zu hohen Erwartungen herangegangen. Ich finde, dass das Buch inhaltlich (Brutalität, Sex) und auch thematisch (Gesellschaftsform) nicht unbedingt einem Jugendroman gleicht, gleichzeitig der Schreibstil und die Darstellung einem Young-Adult/Erwachsenenroman nicht gerecht wird. Das Konzept und die Idee ist wirklich gut, und ich mag die Umsetzung von den verschiedenen Handlungssträngen, vor allem deren Verknüpfungen. Das Buch zeigt die Wichtigkeit der Pflanzen in unserem Leben, die wir für viel zu selbstverständlich halten. Leider ist mir alles viel zu inszeniert, viel zu künstlich und mir fehlt diese gewisse Raffinesse. Es wird nicht langweilig, aber wirklich mitreißend ist es auch nicht, bzw. erst gegen Ende. 

Die Ansprüche für ein Jugendbuch sind sicherlich voll abgedeckt und die Idee ist super, wer aber "mehr" von einem Buch erwartet, sollte es mit Vorsicht genießen.
Schöne Idee - Mäßige Umsetzung!



Kommentare:

  1. Auf diese Rezension habe ich gewartet und deine Meinung ist genau die, die ich erwartet habe... ;D
    Trotzdem hinterlasse ich dir auch noch mal meine:
    Zur Darstellung der Antagonisten gebe ich dir eindeutig recht, die waren mir auch zu überzogen und klischeemäßig, ich habe sie allerdings auch nicht wirklich als Antagonisten wahrgenommen, sondern mehr als Tagtraum des Autors, was aber irgendwie sogar noch ekliger ist (also wir sprechen jetzt vor allem von den Sexszenen)... ^__^"
    Jugendbücher "fordern" einen ja grundsätzlich eher selten, deshalb lese ich sie aber gern. Ich lese zur Entspannung und um mich vom Denken abzulenken und nicht, um noch mehr zu denken. Und dein Gehirn möchte beim Lesen eben auch noch was zu tun haben. ^^
    Von dem Begriff "Mary Sue" kennen wir offenbar unterschiedliche Definitionen... Elaine ist für mich keine Mary Sue, da sie so maskulin ist; Mary Sue bringe ich persönlich mit "mädchenhaft", "nervig", "Klotz am Bein" in Verbindung, wobei der Aspekt "Alleskönner" aber auch vorhanden ist und den deckt sie tatsächlich ab, ich fand es aber nie so überzogen heldenhaft, dass es mich gestört hätte...
    Dass es keinen roten Faden gibt, hat mich persönlich überhaupt nicht gestört, ich war völlig zufrieden damit, die Charaktere durch diese Welt zu begleiten und mir diese Welt anzusehen...

    So, das war meine unstrukturierte Zusammenfassung dazu... :D

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey :)
      Ich habe mir deine Rezi auch angesehen und ich habe recht viel an Kritikpunkten wiedererkennen können.
      Der fehlende rote Faden hätte mich insofern auch nicht weiter gestört, denn eigentlich finde ich sowas bei Dystopien sogar sehr passend, aber die Sprachlichkeit hat es mir letzen Endes doch etwas zu sehr erschwert! Und daher blieb bei mir wahrscheinlich die "Entspannung", die du nennst, auch aus. Ich konnte mich nur schlecht in die Charaktere hineinversetzen und diese Hackbeil-Grammatik hat mich leider versteifen lassen...
      Insgesamt gefällt mir das Buch ja auch nicht schlecht, aber ich finde andere Jugenddystopien, die genauso wenig "fordernd" sind, immer noch angenehmer zu lesen, einfach wegen der Sprache... Die Bestimmung von Roth zum Beispiel, was ich gerade ausgelesen habe.

      Löschen